Die Geschichte der Hurenbewegung

Zum diesjährigen internationalen Hurentag möchte ich euch einen Teil der Geschichte der Hurenbewegung vorstellen. Diese ist leider in der Öffentlichkeit wenig bekannt, nicht nur wegen dem Hurenstigma sondern auch wegen der verklemmten Haltung der Gesellschaft zum Thema Sexualität insgesamt. In vielen Ländern gibt es noch heute gar keine (geduldete) Organisationen von Sexarbeitenden, meist aus unschönen Gründen, wie denen, dass Sexarbeit komplett oder teilweise unter Strafe gestellt wird.

So kämpft zum Beispiel die schwedische Vereinigung Red Umbrella Sweden auch heute immer wieder mit Restriktionen. Unter dem Deckmäntelchen, dass ja „gegen Zuhälter“ vorgegangen würde, wird hier eine wichtige soziale Arbeit fast unmöglich gemacht.

Unser Berufsverband startet zu diesem Hurentag die Social Media Aktion #RedetMitStattUeberUns – wir fordern eine Mitsprache bei der Evaluation des Prostituiertenschutzgesetz sowie der Umsetzung des Gesetzes auf den Landesebenen, denn wir sind diejenigen, die von diesen Regelungen direkt betroffen sind!

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Doch gehen wir zurück zu den Anfängen.

Die letzten 500 Jahre waren ein ständiges On-Off Spielchen, was die Legalität bzw. die Regulierung von Sexarbeit betraf. Weniger war es eine moralische Entscheidung, vielmehr versuchte man dadurch die grassierende Syphilis in den Griff zu kriegen. Spoiler: Hygiene und Penicillin verschafften letztlich Abhilfe.


DEUTSCHLAND

1914 gab es einen ersten Gründungsversuch eines Verbandes von Prostituierten in Deutschland,  1919 wurde der „Hilfsbund Berliner Prostituierte“ gegründet – beide Ansätze versandeten aber leider. (Mann-männliche) Sexualität war im übrigen bis in das Jahr 1994 noch strafbar hier in der BRD. Männliche Sexarbeit war deshalb noch versteckter und stigmatisierter, schon alleine wegen der damals noch stärker grassierenden Homophobie.

Ab den späten 1920er Jahre, gab es eine rege Selbstorganisation der Sexarbeiterinnen bis hin zu selbst-verwalteten Häusern/Bordellen, die den Sexarbeitenden damals auch oft als Wohnsitz dienten. 

Im Hamburger Rotlichtviertel kämpften die „Dirnen“ gegen Polizeiwillkür, gegen Ausbeutung durch Bordellwirte, für bessere Behandlungen in Krankenhäusern und für die Aufhebung solch unsinniger Gesetze wie z.B. das Verbot für Sexarbeiterinnen sich in z.B Theatern oder Lichtspielhäusern, in Zoos oder Tanzsälen aufzuhalten, . Es gab  sogar eine Zeitung in Hamburg mit dem Namen „Pranger“, die recht umstritten war und selbstverwaltet herausgegeben wurde.

1929 wurde das Prostitutionsverbot mal wieder abgeschafft, die „Mädchen“ waren nicht mehr rechtlos, wurden „kecker“, so eine Fachliteratur aus der damaligen Zeit. 

Die Arbeiterbewegung mochte uns nicht sonderlich, Sexarbeitende gehörten zum unliebsamen Lumpenproletariat. Trotzdem gab es punktuell Unterstützung z.B in Hamburg durch die Kommunistische und die Linkspartei USP.

1935 wurde die Beratungsstelle Mitternachtsmission in München gegründet, Trägerschaft war die innere Mission. Bis heute gibt es diese Beratungsstelle nur heißt sie mittlerweile Mimikry.


USA

In der neueren Zeit nahm die Hurenbewegung in den USA ihren Anfang. 

Der Straftatbestand „öffentliches Ärgernis“ war ein Gummiparagraph und wurde ausgelegt wie es gerade passte. (Nicht nur) in den USA wurden Frauen der Prostitution angeklagt weil sie sich nach Anbruch der Dunkelheit auf der Straße aufhielten, gerade auch PoC und trans* Menschen waren extrem betroffen. Viele (Jazz-)Sängerinnen wissen solche Geschichten zu erzählen.

Die Frauengefängnisse in den USA waren zu 50% voll mit PoC oder Latina Frauen denen Prostitution vorgeworfen wird und auch hierzulande gab es immer Restriktionen gegenüber Sexarbeiter:innen und Frauen, die für welche gehalten wurden.

1971 fand in den USA ein Kongress von sogenannten Feminist*innen und selbsternannten „Retter*innen“ statt, zu dem Sexarbeitende selbst keinen Zugang hatten. Also genau wie heute, wenn sich Prostitutionsgegner*innen versammeln: Ein*e meist weibliche Token wird vorgestellt, selbstbewusste Kolleg*innen haben nichts zu melden.

Ein paar Sexarbeitende meldeten sich aus dem Publikum lautstark zu Wort. Sie wurden herabgewürdigt und nie namentlich erwähnt. Im Gegenteil zerrissen sich die „Feminist*innen“ das Maul über ihr Aussehen, ihre Haare und Glitzerketten und unterstellten ihnen Hysterie und psychische Verwirrtheit!

Am Muttertag im Jahre 1973 gründete Margo St. James – Künstlerin und Feministin – eine Organisation für die Rechte von Sexarbeitenden. Diese hieß C.O.Y.O.T.E und der Name stand für: Call Off Your Old Tired Ethics – also etwa: Weg mit euren biederen Vorstellungen von Moral!

Zehn Jahre zuvor hatte man St. James einen Scheinfreier auf den Hals gehetzt, den sie der Tür verwies, woraufhin sie aber trotzdem der Prostitution schuldig gesprochen wurde.

Die Ziele von C.O.Y.O.T.E waren vor allem Entkriminalisierung und soziale Anerkennung von Sexarbeitenden. Einer der Slogans zur Sexarbeit lautete: „Die einzige Arbeit die besser bezahlt wird, als die der Männer!“ Die Organisation blieb lange aktiv und war auch in den 1980er Jahren maßgeblich an der AIDS- Aufklärung im Bereich der Sexarbeit beteiligt.


FRANKREICH

Ab 1972 gab es auch in Frankreich Proteste und Demos von Sexarbeitenden gegen Polizeigewalt und Polizeiwillkür.

Es war ein  Protest gegen Repressionen und ein Aufschrei gegen die mangelnde Auseinandersetzung mit den Morden, die an Sexarbeitenden begangen wurden. Statt Ermittlungen und Aufklärung gab es nur noch mehr Polizeieinsätze, es hagelte geradezu Bußgeldbescheide die keine*r mehr bezahlen konnte.

1975 wurden in Frankreich zahlreiche Kirchen von Sexarbeitenden besetzt. Sprüche wie „Prostituierte sind Frauen wie andere auch“ und „Wir wollen nicht, dass unsere Mütter ins Gefängnis gehen“ hingen auf großen Transparenten an den Kirchen und sorgten für internationale Schlagzeilen.

Zunächst sammelten sich 150 Sexarbeitende in Lyon und Marseille, Besetzungen von anderen Kirchen im Lande folgten. Mit der Botschaft „Prostitution UND Religion“ sollte eine Normalität geschaffen und das Schweigen durchbrochen werden. Die Kirchenbesetzungen wurden nach 8 Tagen mit Polizeigewalt beendet.


„Haben die Huren gewonnen, so haben alle Frauen gewonnen!“

Die neuen Formen der Selbstorganisation und Proteste wurden durch ein gesellschaftliches Klima des Fortschritts in Sachen Frauenrechte und Rechte sexueller Minderheiten begünstigt.

Teilweise fand die Hurenbewegung auch im Schulterschluss mit der Frauenbewegung statt. Es wurde zum Beispiel darum gekämpft, Care Arbeiten, wie sie typischerweise von „Hausfrauen“ geleistet wird, als Arbeit endlich anzuerkennen und entsprechend zu würdigen, wenn nicht gar zu entlohnen.

Selbsthilfe- und Beratungsstellen für Sexarbeitende waren die ersten Ergebnisse, aber auch die politische Arbeit gewann an Wichtigkeit und rückte ins Zentrum vieler Allianzen und Einrichtungen.

Ab den 1980er Jahren war auch Deutschland wieder mehr los: Die Feministin und Publizistin Pieke Biermann – Aktivistin der Berliner Frauenbewegung –  trug mit ihrem Engagement und dem Buch „Wir sind Frauen wie andere auch!“ maßgeblich dazu bei, dass die Hurenbewegung und mit ihnen die Vereine und Selbsthilfegruppen Fahrt aufnahmen.

Gemeinsam erarbeitete Weiterbildung fand statt: Statt sprachlosem Antagonismus gegenüber Freiern, Bordellbetreibenden und der Gesellschaft wurde dort ein professionelleres Verständnis für Sexarbeitende und eine solidere Grundlage für die eigene Arbeit entwickelt.

1979 wurde mit Hydra e.V Berlins erstes autonomes Hurenprojekt gegründet.

Neben Sexarbeiterinnen waren mit im Boot: Ärztinnen des Gesundheitsamts, eine Senatorin, eine Rechtsanwältin sowie eine Sozialarbeiterin. Hydra begann mit Einstiegs- und Umstiegsberatung – eine Arbeit, die dort bis heute durchgeführt wird.

Heute ist die Organisation viel mehr als „nur“ Beratungsstelle und hat einen großen Wirkungskreis – sie bietet einen Treffpunkt für Sexarbeitende sowie das niederschwellige Angebot eines offenen Cafes, in dem unter anderem Seminare und Workshops speziell für Sexarbeitende stattfinden.

1984 wurde in Frankfurt am Main HWG gegründet, was für „Huren wehren sich Gemeinsam“ steht.

Beim Namen handelt es sich auch um  ein Wortspiel mit dem stigmatisierenden Begriff dem Sexarbeitenden häufig bedacht wurden und der aus Zeiten der Bekämpfung von Geschlechtskrankheiten stammt – eine Person mit HWG hatte nämlich „Häufig Wechselnden Geschlechtsverkehr“.

Mit HWG waren viele internationale Sexarbeitende vernetzt – in Hessen gab es zu dieser Zeit unter anderem viele Sexarbeiter*innen aus Thailand, die sich ihren Arbeits- und Aufenthaltsstatus in der BRD angeheiratet hatten. 1992 gab HWG des „Handbuch Prostitution“ heraus mit zum Teil auch wissenschaftlichen Beiträgen. Aber auch Mini-Büchlein für die Handtasche mit Tipps und Tricks z.B. „Was tun bei Gewalterfahrungen“ ließen sie drucken.

Die Beratungsstelle Tamara, die aus HWG hervorging, existiert noch heute.

Ab den späten 80ern explodierten die Gründungen in Deutschland nahezu: 

1985 wurde Rotstift Stuttgart gegründet. In Köln wurde die Frauengleichstellungsstelle für Arbeit gegen Diskriminierung und soziale Integration geschaffen.

In Nürnberg ging die Selbsthilfe- und Beratungsstelle Kassandra an den Start – die erste Beratungsstelle, die auch für männliche Sexarbeitende da war. In Bremen begann Nittribitt mit der Arbeit.

Seit 1987 gab es den Koordinierungskreis gegen Menschenhandel der sich aus Fachberatungsstellen heraus gründete. Auch ihnen ging und geht es um die Durchsetzung der Rechte Betroffener und nicht um moralinsaures Belehren.

In Hamburg gründete sich Solidarität Hamburger Huren. In München Messalina. 1988 kamen Phoenix in Hannover und ein Jahr später Straps&Grips in Münster hinzu.

1991 entwickelte sich über die AIDS Hilfe Frankfurt die Callboy Connection – ein lockerer Zusammenschluss vom Strichern bis Edel Callboys.

1991  gründete sich Madonna e.V. in Bochum – der Verein zur beruflichen und kulturellen Bildung von Sexarbeiterinnen.

Madonna e.V. bietet unter anderem Qualifizierungsprogramme an, da die in der SW erworbenen Kompetenzen teils Schlüsselqualifikationen darstellen, die auch für andere Tätigkeiten von Belang sein können. Besonders erwähnenswert ist auch das dortige Archiv- und Dokumentationszentrum zur Sexarbeit seit 1997. Falls jemand zum Thema Sexarbeit forschen möchte, dem sei dieses Archiv wärmstens ans Herz gelegt!


Allianzen, Proteste, Hurenkongresse

1985 fand der erste Welt-Hurenkongress in Amsterdam statt. Der ICPR (International Committee for Prostitution Rights) wurde gegründet und startete eine Weltcharta für Hurenrechte – für Legalisierung und Entkriminalisierung, die Wahrung der Menschenrechte und die Gleichstellung von Sexarbeitenden. Heute ist die Organisation als ESWA (European Sex Workers Right Alliance) bekannt.

Ein Jahr zuvor initiierte die Beratungsstelle Kassandra aus Nürnberg eine Petition an den Bundestag für die Anerkennung von Sexarbeit als Dienstleistung.

Seit Mitte der 80er fanden auch in Deutschland Hurenkongresse statt und wurden von Parties und Demos begleitet. Unter anderem gab es die #PROstitution Kampagne, unterstützt von dem Kondom-Hersteller London (die in Sexarbeitsstätten gebräuchlichsten Kondome – vielleicht seitdem?).

1987 gab es eine städteübergreifende Aktion: Mit Engelsflügeln bewehrt verteilten Sexarbeiter*innen Kondome in den Fußgängerzonen. Das Motto: „Kondom Liebe Sünde sein“ sollte einerseits zur AIDS Prävention beitragen, andererseits wurde so eine Öffentlichkeit für uns geschaffen.

Im Laufe der 1980 und 90er Jahre drohte die institutionalisierte Sozialarbeit für Sexarbeitende nach und nach die politische Bewegung zu verdrängen.

Möglicherweise trugen auch die Medien einen Teil zu diesem Wandel bei: Die Interaktion über Zeitschriften nahm ab, Flugblätter waren nur sehr begrenzt kommunikativ und die heute übliche Vernetzung über das Internet gab es so noch nicht.

Auch gab es, schon in den 80ern, Kritik an der Hurenbewegung : Die Hamburger „Deern“ und Sexarbeitsaktivistin Domenica Niehoff kritisierte an vielen Stellen, dass ihr zu viele „Solide“ und zu viele Akademiker*innen dabei sein und Sexarbeit ernster und weniger schön sei als sich diese vorstellen. Gleichzeitig warnte auch sie vor Verboten: „Es ist die Härte, mit Männern zu arbeiten. Man muss wirklich stark sein. Aber dieses Verbotene, das bringt uns auch nicht weiter. Das führt sogar so weit, dass es heute Menschenhandel gibt.“

Tatsächlich gab es schon immer ein Problem in der Hurenbewegung, marginalisierte Kolleg*innen z.B. Migrant*innen oder Drogenkonsument*innen mit zu integrieren. Dies wird immer wieder selbstkritisch angemerkt – falls jemensch noch konstruktive Ideen hat wie dem Abhilfe geleistet werden kann– immer her damit!

1988 stellte der Hurenkongress fest: „Es findet ein Wandel statt von der Selbsthilfe zur Beratung.“

Die Vernetzung untereinander nahm also ab – dafür wurde BUFAS, das Bündnis der Fachberatungsstellen für Sexarbeitende e.V., in dem fast alle Beratungsstellen vernetzt sind, gegründet.


Das Wiederaufleben der Hurenbewegung

1989 wurde in Berlin in Erinnerung an Lyon der Internationale Hurentag aus der Taufe gehoben. Die Trennung zwischen „echten“ und „schlechten“ Frauen sollte endlich aufgehoben werden.

1998 wurde der rote Regenschirm als Zeichen für den Schutz von in der Sexarbeit tätigen Personen zum internationalen Symbol der Sexarbeitsbewegung. 1999 wurde der Künstler Tadej Pogacar auf die Aktion „Für das Recht eine Prostituierte zu sein“ aufmerksam und gründete das Projekt CODE:RED mit der Forderung: „Stop the wars on the whores!“

2001 fanden die Biennale und der Hurenkongress gleichzeitig in Venedig statt – es gab einen gemeinsamen Lauf und eine Demo durch die Stadt mit tollen Klamotten und roten Schirmen.

2002 gründete sich der BSD –  ein Zusammenschluss von Betreiber*innen und Sexarbeiter*innen rund um Stephanie Klee, einer Hurenaktivistin, die nach der Gründung von Hydra e.V lange dort gearbeitet hatte.

Auch politisch ging es rund: Die neue rot-grüne Regierung in Deutschland merkte im Koalitionsvertrag 1998 klar an „die rechtliche und soziale Lage von Prostituierten zu verbessern“. Die CDU hielt damals dagegen – im Gegensatz zur Vergewaltigung in der Ehe war Sexarbeit nicht vereinbar mit christlichen Werten.

2002 gab es dann doch endlich ein neues Gesetz – und immerhin wurde die Sittenwidrigkeit abgeschafft (Verstoß gegen „die guten Sitten“). Vermieter*innen und Bordellbetreiber*innen wurde ab sofort nicht mehr Zuhälterei unterstellt, nur weil sie für Kondome, Zewas und frischen Kaffee gesorgt haben. Ein Bündnis wie der BSD wäre vorher gar nicht möglich gewesen, man hätte es als kriminelle Vereinigung eingestuft und staatsanwaltlich verfolgt. Doch es war ein Zeichen der Wirkmächtigkeit der Hurenbewegung dass es überhaupt so weit gekommen ist dass viele Prostituierte ohne Restriktionen zu fürchten arbeiten konnten! Der damals eingeschlagene Weg sorgte auch für rückläufige Zahlen bezüglich Menschenhandel (diese Zahlen sind übrigens weiterhin rückläufig, wie diese aktuelle Dokumentation aus dem Bundestag zeigt).

Dass wir wie andere Menschen auf die Bestimmungen des Arbeitsrechtes bestehen können, bleibt uns Sexarbeitenden immer noch verwehrt. Seit Jahren kämpfen wir für die Verbesserung des aktuellen „Prostituiertenschutzgesetzes“ und gleichzeitig gegen das sich ausbreitende Schwedische Modell. Migrant*innen ohne festen Aufenthaltsstatus werden leider überhaupt nicht mitgedacht. Da sie nur illegal arbeiten können und Ausweisung befürchten müssen sind sie leichte Opfer für Verstrickungen in Abhängigkeiten bzw. Menschenhandel.


Der Berufsverband – Geschichte und Heute

Heutzutage ist die Hurenbewegung nicht mehr so aktiv wie in den 70er und 80er Jahren. Nichtdestotrotz steckt immer noch eine Kraft in der Hurenbewegung, wenn es darauf ankommt.

Seit 2013 gibt es unseren BesD, der Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen, in dem ausschließlich Menschen sind die selbst der Sexarbeit nachgehen bzw. nachgegangen sind. Eine Auffrischung der Hurenbewegung sollte stattfinden, die Wissenschaftlerin Mareen Heying sprach von einem neuen Charakter und einem klaren Profil. Den Begriff der Sexarbeit gibt es seit 2014. Geprägt wurde er von der Sexarbeiterin und Publizistin Melissa Gira Grant die damit für die Anerkennung der bezahlten Dienstleistung Sexarbeit und gegen das Hurenstigma ein Zeichen gesetzt hat. Das amerikanische Wort „sexwork“ haben wir dann eingedeutscht.

Bei der Gründung des Berufsverband wurden wir durch die Gewerkschaft verdi unterstützt, erwähnt sei in diesem Zusammenhang auch die Gewerkschaftsfrau Emilija Mitrovic, deren Engagement für Sexarbeiter*innen und Migrant*innen weit über die Grenzen der Gewerkschaft bekannt war. Gesundheitsorganisationen wie die deutsche AIDS Hilfe oder die Gemeinnützige Stiftung Sexualität und Gesundheit unterstützen uns bis heute. Die Gesellschaft für Sexarbeits- und Prostitutionsforschung macht mit interdisziplinären Beiträgen dieses wichtige Thema für die Öffentlichkeit sichtbarer.

Der Berufsverband stellte die ersten Corona-Informationen speziell für Sexarbeitende zusammen. Mit der Aktion #RotlichtAN im Sommer 2020 – gingen wir zusammen mit dem BSD, Vertreter:innen etlicher Beratungsstellen, Bordellbetreiber:innen und Kolleg:innen aus ganz Deutschland auf die Straße, um gegen die Ungleichbehandlung mit anderen körpernahen Dienstleistungen bezüglich Einschränkungen wegen Corona Maßnahmen zu protestieren. Wir forderten Öffnungsperspektiven für unsere Branche. Es gelang uns, einen Nothilfe Fond aus der Taufe zu heben und so Menschen aus der Branche zu helfen die sonst komplett durch alle Maschen des sozialen Netzes gefallen wären. Insgesamt 250.000 € – um genau zu sein 248.732 € – haben wir an Spendengeldern zusammengetrommelt und auch mit Hilfe der BUFAS Stellen deutschlandweit weiter verteilt. Wir setzen uns für die bessere Repräsentation von Sexarbeit und Menschen in der Sexarbeit in den Medien ein. Wir fordern Unterstützung für geflüchtete Sexarbeitende und Schutz vor Menschenhandel für Geflüchtete aus der Ukraine.

Was zunächst ein Zusammenschluss von 50 Sexarbeitenden war, hat sich mittlerweile zum größten Verband in Europa entwickelt. Mittlerweile nähern wir uns vorsichtig der 1000-Mitglieder Marke. Unsere Arbeit ist, trotz einiger weniger (Teilzeit-) stellen meist ehrenamtlich. So auch die meinige. Mein Interesse gilt schlicht der Joberhaltung sowie gegen Misogynie und Hurenstigma einzustehen. Wir bleiben laut und verlangen: REDET MIT STATT ÜBER UNS!

Der Zweck der Berufsverbands ist nach wie vor das Engagement für gesellschaftliche Anerkennung und bessere Arbeitsbedingungen in der Sexarbeit. Es geht um die Stärkung der Rechte von Sexarbeitenden gegenüber Politik, Kunde*innen und Bordellbetreiber*innen.

Wir möchten auch in den kommenden Jahren dazu beitragen, ein realistisches Bild der Sexarbeit als professionelle Dienstleistung zu vermitteln und sicherstellen, dass Sexarbeiter*innen bei der freiwilligen Ausübung dieses Berufs geschützt und nicht daran gehindert werden.


Dieser Beitrag stammt von Madame Kali – Sexarbeiterin, Künstlerin und gelernte Erziehungswissenschaftlerin. Hier liest du mehr von ihr auf ihrem Blog. 


Quellen:

  • Biermann, Pieke: „Wir sind Frauen wie andere auch – Prostituierte und ihre Kämpfe“, Reinbek, Hamburg 1979
  • Hrsg.Drößler, Christine, im Auftrag der HWG: „Women at Work, Sexarbeit, Binnenmarkt und Emanzipation – Dokumentation zu ersten europäischen Prostituiertenkongress, Berlin 1992
  • Hrsg.: Eppendörfer, Hans: „Domenica, Körper mit Seele – Mein Leben“ München 1994
  • Flexner, Abraham: „Die Prostitution in Europa“, Berlin 1922
  • Grant, Melissa Gira: Hure spielen : Die Arbeit der Sexarbeit ; Mit einem Vorwort von Mithu M. Sanyal Hamburg 2014
  • Hrsg.: HWG: „Prostitution – ein Handbuch“, Marburg 1994
  • Heying, Mareen: „Huren in Bewegung. Kämpfe von Sexarbeiterinnen in Deutschland und Italien, 1980 bis 2001, Essen 2019.
  • Waldenberger, Almuth: „Die Hurenbewegung – Geschichte und Debatten in Deutschland und Österreich“, Wien 2016