Ein Twitter-Beitrag von Forscherin, Ursula Probst, zum Thema Zahlen in der Sexarbeit – @probursula

1/19 – (Keine) Zahlen zu Prostitution/Sexarbeit in DE für alle! „Die Anzahl der in Deutschland tätigen Prostituierten wird weit überschätzt. Häufig zitiert wird auch heute noch eine Zahl von etwa 400.000 Sexarbeiterinnen und Sexarbeitern mit einer Million Kundenkontakten pro Tag. …

2/19  … Diese „Schätzung“, entstanden in der Aktivistinnenszene im Rahmen der politischen Diskussion um die gesellschaftliche Anerkennung und Gleichstellung von Prostituierten Ende der 1980er Jahre, entbehrt jeder wissenschaftlichen Grundlage. …

3/19  … Seriöse Hochrechnungen von Prostituierten in Deutschland bewegten sich damals in einer Spannbreite von 64.000 bis zu 200.000 Prostituierten. …

4/19  … Seitdem haben sich Struktur und Zusammensetzung der Szene natürlich stark verändert. Neuere Schätzungen liegen allerdings nicht vor. Jedoch darf angezweifelt werden, ob tatsächlich die Anzahl der in Deutschland tätigen Prostituierten seitdem sehr stark angestiegen sind.“

5/19 – Quelle: Kavemann/Steffan 2013: Zehn Jahre Prostitutionsgesetz und die Kontroverse um die Auswirkungen
-> https://www.bpb.de/apuz/155364/zehn-jahre-prostitutionsgesetz-und-die-kontroverse-um-die-auswirkungen?p=all

6/19 – Nun ist der Artikel schon ein paar Jahre alt und vor dem ProstSchG entstanden, es gilt aber weiterhin, dass es keine zuverlässigen Schätzungen gibt.

7/19 – Das Statistische Bundesamt spricht von ca. 32.800 nach ProstSchG angemeldeten Personen Ende 2018.
-> https://destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Soziales/Prostituiertenschutz/_inhalt.html
Betonung auf „ANGEMELDET“ – wir wissen auch, dass sich Personen nicht anmelden, aber es ist vollkommen unklar, um wie viele es sich dabei handelt

8/19 – Das bedeutet auch, dass jegliche Angaben über Anteile, also „X% der Prostituierten sind XYZ“, mit Vorsicht zu genießen sind, da sowas aufgrund der mangelnden Kenntnis über die Grundgesamtheit bzw. die großen Schwankungsbreiten der Schätzungen nicht berechnet werden kann.

9/19 – Wenn solche Angaben aus wiss. Studien kommen, also bitte immer genau in den Methodenteil gucken, da muss genau aufgelistet sein, wie viele Leute dafür befragt wurden bzw. welche Datensätze genutzt wurden – und auch welche Einschränkungen sich dadurch ergeben.

10/19 – Beispiel: Die Studie zu Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen, im Auftrag des BMFSFJ aus dem Jahr 2005, Volltext hier -> https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/studie–lebenssituation–sicherheit-und-gesundheit-von-frauen-in-deutschland/80694

11/19 – Die Studie „Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland“ Laut deren Kurzfassung haben z.B. 43% der Prostituierten sexuellen Missbrauch in der Kindheit erlebt. Heißt das, dass grundsätzlich 43% der Prostituierten sexuellen Missbrauch in der Kindheit erlebt haben? Kann man nicht sagen, denn:

12/19 – In der Langfassung wird erklärt, dass es keine repräsentative Umfrage ist: „Eine tatsächliche Repräsentativität ist mit einer solchen Untersuchung jedoch ohnehin kaum möglich, da über den Umfang und die Zusammensetzung der Stichprobe keine genauen Informationen vorliegen“

13/19 – „Durch diese Art der Stichproben-Selektion besteht eine Einschränkung in der Repräsentativität der gewonnenen Daten insofern, als sie jenen Teil der Gesamtgruppe der Prostituierten stärker abbilden, die Hilfseinrichtungen und Gesundheitsämter kontaktieren.“
„Durch die Kooperation der jeweiligen Hilfseinrichtungen konnten insgesamt 110 Prostituierte zur Mitarbeit an dieser Untersuchung gewonnen werden“

14/19 – Aber, nachdem ich ja als qualitative Sozialforscherin sowieso nicht an Zahlen glaube, muss man auch das zur Kenntnis nehmen: „Auch wenn diese Erhebung somit keinen Anspruch auf Repräsentativität erhebt, so bietet der Umfang der Stichprobe doch…

15/19  … einen Einblick in die Lebens- und Arbeitsbedingungen
sowie auch die Gewaltprävalenzen und besonderen Gewalterfahrungen unserer Untersuchungsgruppe. “

16/19 –  Insgesamt müssen wir uns fragen, warum gerade diese Zahlen für uns oder die Debatte so wichtig sind, denn Gewalt, Ausbeutung, Menschenhandel werden jetzt nicht schlimmer oder besser, wenn mehr oder weniger Personen davon betroffen sind.

17/19 – Ob es nun 1, 10 oder 1000 Personen oder 10%, 40% oder 90% sind, die davon betroffen sind, ändert nichts an deren Erleben, je nach Präsentation der Zahlen macht das allerdings etwas mit unserer Wahrnehmung des Problems als Außenstehende.

18/19 – Hohe Prozentangaben (90%!!!) klingen immer sehr dramatisch, aber so lange nicht klar ist, *wovon* es 90% sind, sagt das eigentlich nichts aus.

19/19 – Long Story short: Zahlen sind nicht einfach so objektiv, neutral und richtig – wir haben noch gar nicht die Frage angeschnitten, wie das, was gemessen werden soll, definiert wird – also weder im Bezug auf Sexarbeit/Prostitution noch allgemein blind irgendwelchen Nummern folgen.


Mit freundlicher Genehmigung von Ursula Probst
Mitglied
der Gesellschaft für Kritische Sexarbeits-Forschung, GSPF

Danke