Undine de Rivière: Warum ein Sexkaufverbot keine Probleme löst

Ein sehr persönlicher Blogbeitrag über die aktuelle Prostitutions-Debatte von BesD-Gründungsmitglied Undine de Rivière.


„Keiner macht das freiwillig …“ –

„Das muss alles verboten werden.“ – „Märchenstunde, du lügst!“ – das ist nur ein Bruchteil dessen, was ich mir in letzter Zeit anhören musste. Seufz.  Die Leute, die einvernehmliche Sexarbeit zwischen Erwachsenen verbieten wollen, sitzen uns mal wieder ganz schön im Nacken. Inzwischen auf höchster politischer Ebene:

Mitte November hat sogar Olaf Scholz sich auf unsere Kosten profiliert: „Ich finde es nicht akzeptabel, wenn Männer Frauen kaufen. Das ist etwas, was mich moralisch immer empört hat.“

Was für ein Bullshit. Das letzte Mal, als ich „meinen Körper verkauft“ habe, war der erstaunlicherweise immer noch in meinem Besitz, auch nachdem mein Gast gegangen war. Scholz hat diesen Unfug übrigens auf Nachfrage von Dorothee Bär (CSU) losgelassen. Wer sich antun möchte, mit welcher Verachtung und Herablassung solche Menschen ihre Gewaltphantasien über die gelebte Realität einer Sexarbeiterin mit 29 Jahren Berufserfahrung zu stellen versuchen, kann sich die Diskussion anhören, die ich mit der guten Frau Bär letzte Woche für den SWR geführt habe.

Das schwedische Verbot

Lautstarke Sexarbeitsgegner*innen gibt es leider in allen großen Parteien. Und sie alle fordern gerade massiver denn je ein „Sexkaufverbot“ wie in Schweden (auch bekannt als „Nordisches Modell“). Dabei ist es übrigens egal, ob es um Wohnungsbordelle, Escort-Service, Dominastudios oder um Hypnose-Sessions mit Anfassen geht: Alles abschaffen, und zwar am besten gestern schon.

Verboten werden soll demnach die Inanspruchnahme sexueller Dienstleistungen, aber auch jede Unterstützung der Sexarbeit anderer. In Schweden werden daher sogar Kolleg*innen, die einander gegenseitig bei Hotelbesuchen mittels Sicherheitsanrufen schützen, der Zuhälterei der jeweils anderen angeklagt.

„Was regt ihr euch auf, ihr bleibt doch straffrei“, behaupten Befürworter des Verbots. Hier noch ein paar mehr Gründe, wieso ein Sexkaufverbot auch für uns Sexarbeiter*innen selbst eine Katastrophe wäre – von der haltlosen pauschalen Kriminalisierung unserer Gäste ganz zu schweigen.

  1. 📌 Ein Verbot der Nachfrage verschiebt die Kundenstruktur. Es werden übermäßig Menschen abgeschreckt, die sich an Regeln halten wollen – und zwar auch an unsere eigenen Regeln, die unserer Gesundheit und Sicherheit dienen. Übrig bleiben mehr übergriffige und gefährliche Kunden – ein Riesenproblem gerade für prekär arbeitende Kolleg*innen, die aufgrund wirtschaftlicher Zwänge ohnehin schwerer Aufträge ablehnen können.
  2. 📌 Jede Unterstützung von Sexarbeit ist nach schwedischem Vorbild ebenfalls verboten. Damit würden Bordelle wieder illegal. Deren Führung und die entsprechenden Erträge gingen dann unter anderem zurück an die organisierte Kriminalität – mit allen Folgen für uns und für den Rest der Gesellschaft. Genau das, was wir 2001 endlich geändert hatten, als der Paragraph gegen die „Förderung der Prostitution“ abgeschafft wurde und zunehmend seriöse Geschäftspersonen anfingen, in Sexwork-Infrastruktur zu investieren.
  3. 📌 Ein Sexkaufverbot verhindert Sexarbeit nicht. Google mal nach „Stockholm Escorts“, dann siehst du, was ich meine. Es drängt uns nur in den Untergrund, denn um unsere Gäste zu schützen, müssen auch wir abtauchen. Damit sind wir auch für Hilfsangebote weniger gut erreichbar und Übergriffe werden seltener angezeigt. Ein Outing hat in Schweden verheerende Folgen: Zum Beispiel bekommen wir keine Wohnung mehr, weil auch ein privater Vermieter von den Erträgen unserer Arbeit profitieren und sich so der Zuhälterei schuldig machen würde.

Ein Sexkaufverbot ist also kein Schutz von Menschen in der Sexarbeit, wie es oft verkauft wird. Es soll im Gegenteil für alle Beteiligten abschreckend wirken und uns das Leben möglichst schwer machen.

Ein Sexkaufverbot löst keines der Probleme, die es ja durchaus in unserer Branche gibt, sondern verschärft jedes einzelne davon.

Zugrunde liegt die Idee, die Gesellschaft vor der Sexarbeit zu schützen und über ein Verbot die bestehende Geschlechterungerechtigkeit abschaffen zu können. Letzteres ist ein hehres Ziel, aber auf diesem Weg natürlich eine Illusion.

Sexkaufverbote gibt es nicht nur in Teilen Skandinaviens, sondern inzwischen auch in Kanada, Irland und Frankreich, mit allen von uns und von vielen Menschenrechts-Expert*innen vorhergesagten verheerenden Folgen.

Im September diesen Jahres hat sogar das EU-Parlament eine Empfehlung für ein europaweites Verbot ausgesprochen.

Wir Sexwork-Aktivist*innen tun alles, was wir können, um zu verhindern, dass es in Deutschland umgesetzt wird. Gleichzeitig machen wir uns dafür stark, dass dort ein Umdenken stattfindet, wo diese Katastrophe bereits eingetreten ist. Aber vielleicht ist alles, was wir können, diesmal einfach nicht genug.

Hilfe!

Wir können das nicht mehr ehrenamtlich schaffen. Daher hat der Berufsverband BesD e.V., den ich vor zehn Jahren mit gegründet habe, eine Spendenaktion gestartet. Wir müssen dringend wieder einer Mitarbeiterin für politische Arbeit dauerhaft wenigstens eine Viertelstelle bezahlen, sowie professionelle Schulungen in Presse- und Öffentlichkeitsarbeit für unsere Mitglieder finanzieren können.

Und hier kommst du ins Spiel: Wenn es dir irgend möglich ist, unterstütze uns bitte in unserem Kampf gegen das drohende Sexkaufverbot. Denn jeder Euro zählt.

Nichts wünsche ich mir zu Weihnachten mehr, als dass wir unser Spendenziel erreichen. 🎁❄️

-> Hier kommst Du zu allen Infos unserer Spendenkampagne