Das gemeinschaftliche Ziel von Sexarbeitenden selbst, der Politik und auch Frau Fennert ist letztlich die effektive Bekämpfung von Straftaten wie Menschenhandel, Zuhälterei und Zwangsprostitution. In der gesellschaftlichen Debatte und auch in Frau Fennerts Artikel werden hier jedoch oftmals andere Maßstäbe an die Definition von „Zwang“ bzw. an die Frage der Freiwilligkeit gestellt als in anderen Berufszweigen. Arbeiten, „weil man das Geld braucht“ ist schlicht gesellschaftliche Realität für den überwiegenden Teil der Bevölkerung in einem kapitalistischen System wie dem unseren, wird in der Prostitution jedoch gerne als ultimativer Beweis der Unfreiwilligkeit herangezogen.
Doch Frau Mack geht noch einen Schritt weiter und wird in Frau Fennerts Artikel wie folgt zitiert: „Bedenkt man, unter welchen Bedingungen Frauen in der Prostitution arbeiten, und dass es einen extrem hohen Prozentsatz an psychischen Zwangen gibt (zumeist vorgängige Missbrauchserfahrungen), muss die Möglichkeit der vollumfänglichen Freiwilligkeit stark infrage gestellt werden.“
Neben der empirisch nicht haltbaren Verknüpfung von Missbrauchserfahrungen und Prostitution, spricht Frau Mack darüber hinaus mit ihrer Aussage auch Menschen mit Missbrauchserfahrungen die Fähigkeit zu eigenen Lebensentscheidungen ab.
Wer Armutsprostitution bekämpfen möchte, muss letztlich Armut bekämpfen. Nicht die Prostitution. Nicht den Kauf.
Die eigentliche Arbeit von Sexarbeitenden selbst wird von Frau Mack als „Schädigung schwersten Ausmaßes […], die nur durch eine psychische Dissoziation erträglich wird“ [1] bezeichnet und so auch von Frau Fennert zitiert. Auf viele mit dieser absoluten Aussage einhergehende Probleme wurde hier bereits eingegangen.
Ein weiteres ist das der Stigmatisierung. Ein Problem, mit dem alle Sexarbeitenden bis hin zum „High Class Escort Girl“ zu kämpfen haben. Diese gesellschaftliche Stigmatisierung trägt aus Sicht der Betroffenen vielmehr zu einer Gefährdung von Menschen in der Prostitution bei als dies eine Normalisierung ebenjener Arbeit zur Folge hatte. Denn Stigmatisierung macht mitunter den Wechsel in einen anderen Berufszweig schwer. Stigmatisierung führt zu Scham, führt zu Angst vor einem ungewollten Outing, führt zum Verstecken; und macht so angreifbar.
Ein schlichtes Verbot füttert den Schwarzmarkt und schafft wieder Räume, in die niemand Zutritt hat. Das hat die Geschichte oft genug gezeigt. Was das speziell für die Prostitution in Deutschland heißt, konnten wir „im Kleinen“ in der Corona-Pandemie sehen, während der Prostitution über Monate hinweg verboten war.
Wer aus finanzieller Not heraus dennoch arbeitete, konnte eben nicht mehr auf sichere Arbeitsplätze und –strukturen zurückgreifen. Preisverfall, vermehrte Nachfragen nach unsafen Praktiken sowie eine Zunahme von Gewalt waren die Folgen (vgl. [8], [9]).
Wir hatten uns gewünscht, Frau Fennert hätte auf einer Plattform wie der Konrad-Adenauer-Stiftung eine Analyse und Meinungsfindung umfassender, fundierter und eben nicht so einseitig gestaltet. Es fehlen nicht nur die Perspektiven der Sexarbeitenden, sondern auch die derjenigen, die im Nordischen Modell kriminalisiert werden sollen – sprich der Menschen, die Dienstleistungen einer konsensbasierten Prostitution in Anspruch nehmen wollen.
Hört man auf die Meinungen und Erfahrungen von Sexarbeitenden, Betreibenden von Prostitutionsstatten, Freiern und Betroffenen, so tun sich viele Stellschrauben auf, an denen man drehen könnte, um eine tatsächliche Verbesserung gerade auch in den prekären Bereichen zu erreichen. Sei es mehr Personal in der Strafverfolgung, besserer Zugang zu psychologischer Hilfe oder auch ein flächendeckendes Angebot einer Einstiegsberatung, wie es Hydra e.V. in Berlin und auch viele andere Beratungsstellen für Sexarbeitende anbieten.
Warum also gibt es also laut Frau Fennert keine Alternative zum Sexkaufverbot? Wir wollen ebenso wie Frau Fennert Verbesserungen für all unsere BerufskollegInnen. Und wir sind bereit unsere Expertise bei einer Reformierung des ProstSchG einfließen zu lassen. Doch dafür muss man uns auch eine Stimme geben und uns beteiligen.